Das Schweigen einer Meistersängerin

Es gab eine Zeit, da galt der Bestand der Feldlerche in der Schweiz als unzählbar, so häufig war sie. Dass diese Population innerhalb weniger Jahrzehnte dramatisch eingebrochen ist, macht sie zu einem Symbol dafür, wie schnell es mit ökologischen Gleichgewichten manchmal geht. Nun wurde die Feldlerche von BirdLife Schweiz zum Vogel des Jahres 2022 gewählt.
Feldlerchen-Männchen im Singflug © Beni Herzog

Die Feldlerche - ein "Allerweltsvogel"

Die Feldlerche (Alauda arvensis) ist von ihrem Erscheinungsbild her ein eher schlichter Vogel. Ihr graubraun geflecktes Gefieder erregt ebenso wenig Aufsehen wie ihre Körpermaße: Rund 17 Zentimeter lang und 45 Gramm schwer kann sie werden. Charakteristisch ist hingegen die kleine Federhaube, welche bei Erregung aufgerichtet werden kann. Ebenfalls typisch ist der Singflug der Männchen, welcher im Frühjahr über Feldern beobachtet werden kann und bei welchem die weissen Flügel- und Schwanzhinterränder zu sehen sind. Über hundert Meter hoch können die Tiere dabei singend in den Himmel steigen und dort minutenlang ihr Triller-Konzert veranstalten, bevor sie sich regelrecht zurück auf den Boden „fallen lassen“. Dieses Verhalten, welches insbesondere zum Abstecken von Revieren dient, war früher über Schweizer Feldern ein allgegenwärtiges Schauspiel und war noch zu Beginn der 1990er nichts besonders Aussergewöhnliches.

Bodenbrut mit Tücken

Die Feldlerche und ihr Schicksal sind mit unserem Kulturland eng verbandelt. Der Vogel brütet in offenen Lebensräumen in ganz Eurasien. In der Schweiz bedeutet das, dass die Feldlerche auf ein kleinparzelliges Mosaik von Äckern und Wiesen angewiesen ist. Dabei hält sie von hohen Elementen wie Bäumen, Gebäuden und Hecken jeweils konsequent bis zu 150 Meter Abstand und braucht eine lückige Bodenvegetation um dazwischen bewegen und auf Futtersuche gehen zu können. Als Ablageort für ihre Eier legt die Feldlerche eine kleine Bodenmulde an, welche mit Moosen und anderen Materialien gepolstert wird. Das Brutpaar teilt sich die Arbeit dabei auf: Während das Weibchen sich ab April um den Nestbau und das Ausbrüten der 4-5 Eier kümmert, schafft das Männchen Nahrung in der Form von Insekten heran. Bereits 7-12 Tage nach Schlupf verlassen die Jungvögel das Nest - das ist eine der kürzesten Nestlingszeiten im Reich der Singvögel! Als Bodenbrüter sind die Lerchen trotz dieser kurzer Nestlingszeit durch den landwirtschaftlichen Betrieb und andere menschliche Aktivität auf Wiesen gefährdet.

Feldlerche an ihrem Nest, shutterstock zVg von BirdLife Schweiz

Agrarpolitik als Knackpunkt

Ob Grossveranstaltungen zur Brutzeit an wichtigen Standorten oder zu häufiges Mähen der Kulturflächen, was zu nicht vollendeten Brutzyklen führen kann - in den letzten 30 Jahren sind die Bestände der Fledlerche in der Schweiz massiv eingebrochen. Im Kanton Zürich gab es 1988 beispielsweise noch rund 2900 Bruntbare, 2017 waren es noch deren 230. Im Kanton Aargau hat sich die Anzahl Brutpaare immerhin halbiert: von 432 auf 218 in etwa der selben Zeitspanne (1990-2021). Zusätzlich - und wie bei vielen anderen Vögeln des Kulturlandes - spielt das Insektensterben eine entscheidende Rolle. Durch den Einsatz von Pestiziden und den übermässigen Einsatz von Dünger ist die Nahrungsgrundlage vieler Feld- und Wiesenarten und damit auch der Feldlerche, entscheidend verringert worden. Auch das Zunehmen intensiv bewirtschafteter Monokulturen, welche wenige Lücken für die Suche nach Nahrung und das Brutgeschäft zwischen den Setzreihen lassen, haben sich immer mehr zu einem Problem entwickelt.

Links: Intensive Landwirtschaft mit wenig Struktur (shutterstock), rechts: kleinparzelligere Landwirtschaft mit Buntbrache © Agrofutura

Fördermassnahmen dringend nötig

Um ein dauerhafte Überleben der Feldlerche im Schweizer Kulturland zu sichern, ist vor allem eine Stabilisierung und wenn möglich ein baldiger Ausbau der noch bestehenden Populationen das Ziel. Mittels hochwertigen Biodiversitätsförderflächen, Bunt- und Rotationsbrachen, sowie biodiverse Ackerschonstriefen und Säume könnte einerseits die Nahrungsgrundlage der Feldlerche verbessert und ihr Brutplatzangebot verbessert werden. Auch eine grössere Vielfalt der Kulturen und ein damit verbundenes, variables Schnittmuster kann dazu beitragen, dass sich die Bestände in Zukunft wieder erholen können. Ob diese Mission gelingt, hängt in erster Linie von der weiteren Entwicklung der Landwirtschaft und damit nicht zuletzt auch vom Konsum-Verhalten der Schweizer Bevölkerung ab.

Feldlerche auf Ansitz mit aufgestelltem Häubchen: © Vincent Legrand, zVg BirdLife Schweiz

Quellen und Informationen: BirdLife Schweiz / Schweizerische Vogelwarte

Haben Sie gewusst?

Das Brutgebiet der Feldlerche erstreckt sich von Irland im Westen über Eurasien bis an die russische Pazifikküste im Osten und von Marokko im Süden bis zum Nordkap am Arktischen Ozean im Norden. Als ursprüngliche Steppenbewohnerin ist ihr gesamtes Verbereitungsgebiet zwar sehr ausgedeht, überall wo der Mensch die Landwirtschaft intensiviert hat, schrumpft ihr Habitat aber zusehens.

Ein Umdenken ist gefragt

Mit einzelnen Projekten die mit hohen personellen und finanziellen Anstrengungen verbunden sind, können kleinflächige ­Erfolge bei der Förderung der Feldlerche erreicht werden. Auf ­grossen Flächen genügt das jedoch nicht, um die ­dramatischen Einbrüche der Bestände zu stoppen, oder den ­negativen Trend gar umzukehren. Landwirte müssen bei der ökologischen Bewirtschaftung besser unterstützt werden. Nur durch die richtigen Anreize einer ­ökologisch ausgerichteten Agrarpolitik, aber auch ein Umdenken im Konsum der Endverbraucher, lassen sich die ­Feldlerchen-­Bestände langfristig erhalten.

Weitere Materialien

Hier finden Sie den vollständigen Pressetext, Materialien und Fotos zum Download von BirdLife Schweiz:

Vogel des Jahres 2022

Informationen zu Förderungsmassnahmen und Publikationen finden sie bei unter folgendem Link: Förderung der Felderche (Vogelwarte)

 

Archiv

2021: Steinkauz

2020: Neuntöter

2019: Kiebitz

2018: Wanderfalke

2017: Wasseramsel

2016: Buntspecht

2015: Haussperling